white cargo
in german only

ÉCRITURE AUTOMATIQUE (2)

Der Sinn von Träumen ist, dass man sich beim Schlafen nicht langweilt. Das ist alles.  Max Goldt

L1250252

Habe geträumt, dass ich am Schreibtisch sitze, als plötzlich ein kleiner Junge mitten im Büro steht. Er ist ungefähr zehn Jahre alt, ich habe ihn noch nie gesehen, und er lächelt mich herausfordernd an. Er wirkt verletzt und angeschlagen, seine dünnen Haare sind durch eingetrocknetes Blut verklebt. Sein ausgemergelter Körper ist fast nackt, bis auf eine gehäkelte Strickbadehose, die ihm schief auf den dünnen Hüften sitzt. Er möchte offenbar mit mir spielen, gibt mir wortlos zu verstehen, dass ich ihn jagen soll, und rennt plötzlich hinaus ins Freie. Ich folge ihm über die Terrasse in den Garten, wo er hinter Schilfgras spurlos verschwindet.
Als ich zurück ins Haus gehen will, sehe ich, dass er auf dem Rasen Spuren hinterlassen hat: Überall da, wo seine nackten Füße den Boden berührt haben, sind hunderte winziger schwarzer Pilze gewachsen. Ich starre minutenlang auf den Boden, ein modriger Geruch liegt in der Luft. Aufgewacht.

 

CONTAINER 2014: JANUAR

In den Container wandern die kleinen Begeisterungen des laufenden Monats

Yansong_Aquarium_neu

Das Aquarium, das Ma Yansong (von dem ich neulich geträumt habe) als kleine Fingerübung für sich selbst entworfen hat. Würde ich mich auch ausserhalb der Küche für Fische interessieren, stünde es schon längst auf einem Granitsockel im Büro

IMG_2109
Das lederbezogene Treppengeländer im Brandhorst Museum München – wenn man mit der Hand daran entlangfährt, wird’s ein bisschen sexy

Die unglaublichen Totalen in “Frozen – Die Eiskönigin“
Frozen-Concept-Art-0006  frozen-concept-art-arendelle-0592013-231630
Ein kartoffelgesichtiger Bauernschädel, wie aus dem Gemälde eines holländischen Meisters geschnitten, der im königlichen Chor kurz skeptisch zum unsauber intonierenden Nachbarn rüberlinst; eine kleine Schachfigur, die im Vordergrund trudelt und umfällt, als die Prinzessin mit ihrem wirbelnden Rüschenkleid zum Fenster eilt: Nicht ein Gramm vorgefundene Schönheit ist in diesen Bildern, jedes Pixel eine bewusste künstlerische Entscheidung – ein weiterer Beleg für die These, dass Animationsfilme die großen Kunstwerke der Neuzeit sein könnten. Bis auf die nervige Konsenspopmusiksauce: Schiere, sprachlos machende Perfektion in drei Dimensionen

Ann Buchanan in Andy Warhols “Screen Tests“
IMG_2107
Neulich im Videokeller des Museums, Vorführung des schwarz-weißen Films, in dem bekannte und vergessene Pop-Ikonen drei Minuten lang vor der Kamera sitzen und nichts oder irgendwas machen, während Andy laufen lässt und derweil eine rauchen geht: Nur den Kindern fällt schon nach einer halben Minute auf, dass “die Frau da“ kein einziges Mal blinzelt, weshalb ihr auch eine Minute später die ersten Tränen aus den Augen laufen. Aber sie hält tapfer durch, bis die Filmrolle zuende ist. Später trinkt Lou Reed drei Minuten lang eine Cola

Die Simpsons-Folge “Der glamouröse Godfrey“ am 20.1.
simpsons-gay-grampa
… in der Marge enttäuscht ist, dass Grampa Abe doch nicht schwul ist, weil sie es sonst endlich der selbstgefälligen Pfarrersgattin Lovejoy hätte zeigen können, die mit ihrem transsexuellen Cousin “immer so angibt“ – Paradigmenwechsel, im Zeichentrick längst angekommen

Jacqueline Bisset
in der Dankesrede beim Golden Globe, und die Worte, die ihre Mutter ihr als kleines Kind ins Gesicht geschleudert haben soll: “Go to hell and don’t come back“. Uncooler Spruch für ein kleines Mädchen, aber coole Wirkung, wenn das Mädchen diese Hölle zur Weltkarriere umdeutet und tatsächlich nie mehr heimkehrt

OFFICE CHART NOVEMBER / DEZEMBER

Was wir diesen Monat im Büro hören
jon_hopkins_immunity
Jon Hopkins – Immunity

Some guys have all the luck: Nicht nur dass Jon Hopkins eine der besten elektrischen Platten des ausgelaufenen Jahres gemacht hat (weniger Club- als Konzeptalbum), aussieht wie Jonny Greenwoods kleiner Bruder (also unverschämt smart) und wunderbare Soundtracks für die Filme „How I live now“ und „Monsters“ komponiert hat. Er bekommt auch noch erstklassige Videos zu seinen Stücken gedreht. Der melancholische Skateboarder mit den blutunterlaufenen Augen in Open Eye Signal, die durchgedrehte Party-Furie in Collider – Inspiration wird einfach weitergereicht, von einem Medium ins nächste. Das geht scheinbar wie von selbst, wenn man sich regelmässig mit Brian Eno zum Tee trifft und seine ersten Synthies vom Preisgeld gewonnener Klavierwettbewerbe bezahlt hat. Ein Hoch also auf das Royal College of Music, und ein Prosit dem gediegenen Elternhaus, das dem kleinen Genie offenbar frühzeitig, aber mit der gebotenen Zurückhaltung applaudiert hat. England’s dreaming!

Außerdem:

Flying Lotus – BBC Essential Mix

Schneider TM & Kpt Michigan – A Light 3000

Atoms for Peace – Default (durchgeknallter Auftritt in der ‚Daily Show‘ hier)

Bryce Hackford – Another Fantasy

Hudson Mohawke – Thank You

Mount Kimbie ­– Blood and Form

Superpitcher – Even Angels (anderes, aber schönes Video hier)

François De Roubaix – La plongée

Alexandre Desplat – Sunrise on Lake Pontchartrain

Die Links führen in der Regel zu sehenswerten Videos auf vimeo oder youtube und gehen in einem neuen Fenster auf.

JANE, DOUGLAS UND ICH NICHT

julia-1  Julia  Julia_3

Ich war elf Jahre alt, als ich in Paris beinahe einen Satz zu Jane Fonda gesagt hätte. Dass ich im entscheidenden Moment krank wurde, und deshalb ein anderer Junge in diesem Film diesen Satz sagte, ist mir erst Jahrzehnte später wieder eingefallen, nämlich neulich. Meine Mutter fuhr mich damals ins Studio um vorzusprechen, die Französischlehrerin hatte mich auf eine Anfrage beim Direktorat der Deutschen Schule hin vorgeschlagen. Ich bin dann mit dem Schreiben des Direktors vor Aufregung versehentlich nach Hause gegangen, obwohl noch Unterricht gewesen wäre.

Regisseur Fred Zinnemann war im Studio nicht anwesend, und so war es wohl ein Assistent, der mich mit einem Umschlag in der Hand ein paar Mal von links nach rechts gehen und diesen einen Satz zu einer fiktiven Frau Fonda sagen ließ. Die einzige Person, an die ich mich erinnern kann, war ein unglaublich freundlicher Engländer hinter der Kamera, der mit wirrer Frisur und einer überdimensionierten Hornbrille die Probeaufnahmen technisch leitete. Douglas Slocombe, der bereits in den dreissiger Jahren als Dokumentarfilmer mit dem lauten Geräusch seiner Kamera eine Goebbels-Rede gestört hatte und später Polanskis Tanz der Vampire und die Indiana Jones Filme fotografiert hat, ist im Februar hundert Jahre alt geworden.

Meine Grippe war nach ein paar Tagen auskuriert, der Film, in dem auch Vanessa Redgrave, Jason Robards und Meryl Streep mitspielten, wurde für elf Oscars nominiert. An den Satz, den ich hätte aufsagen sollen, kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

 

ÉCRITURE AUTOMATIQUE (1)

Der Sinn von Träumen ist, dass man sich beim Schlafen nicht langweilt. Das ist alles.  Max Goldt 

ma_yansong-project_superstar

Habe geträumt, dass der fantastische Ma Yansong mir einen Bungalow gebaut hat, direkt am Isarufer. Das Haus hat ein terrassenartiges, irgendwie fließendes Dach, und ist riesig in den Proportionen, aber gleichzeitig sehr klein und eng. Als ich vermeintlich aufwache, ist es aber nur noch ein Holzschuppen, und als ich hinaustrete und ans Ufer gehe, ist auch der Schuppen weg. An seiner Stelle steht eine riesige mechanische Schreibmaschine, aber auf den altmodischen runden Tasten sind ganze Wörter, keine Buchstaben. Ich werde aufgefordert, mich zu beschweren, finde aber nicht die richtigen Tasten.
Dann steht Yansong persönlich vor mir, obwohl ich gar nicht weiß wie er aussieht, und lächelt mich mit schiefen Mundwinkeln an. Ein kleiner Fleck auf meinem Hemd nervt, und ich weiß nicht mehr, was ich ihm sagen wollte. Aufgewacht.

 

OFFICE CHART SEPTEMBER / OKTOBER

Was wir diesen Monat im Büro hören

Crimson _ Red
Prefab Sprout – Crimson / Red

Es gab viel zu hören in den achtziger Jahren, und das Beste davon wollte man auch live erleben. Dafür hatte sich in der Schule wie von selbst eine entsprechende Gruppe gebildet, fast ausschliesslich zu dem Zweck, sich gemeinsam bei den angesagtesten New Wave Konzerten einzufinden, die in München stets an den gleichen, berüchtigten Orten wie der Alabamahalle, der Theaterfabrik oder dem Schwabingerbräu stattfanden. Ziel war einerseits die Huldigung der jeweiligen Band, zum anderen wollte die kompromisslose Musikbegeisterung ganz allgemein mit einem ordentlichen Bier- und Euphorie-Koma unterfüttert werden.
Eine zweite Gruppe spitzte auf dem Schulhof lediglich die Ohren, um mitzukriegen, wohin es denn diesmal gehen solle, sie stand unter dem Verdacht, sich auf den Konzerten nur einzufinden, um einmal kurz und kennerhaft herüberzugrüßen. Das Prefab Sprout Konzert war da der Testfall und Knackpunkt: An den langen Gesichtern und verwirrten Mienen bei Paddy McAloons fragilen Pop-Juwelen konnte man erkennen, wer sich vorher nicht schlau gemacht und somit verpasst hatte, dass es diesmal nicht um brachialen Postpunk ging. Darüber vergassen sie auch das lässige Grüßen, was dann ausnahmsweise die Gegenseite übernahm: Prost, ihr Pfeifen! Was aus der Spreu geworden ist, weiß ich nicht, dem Weizen geht es ganz gut, soweit er überlebt hat. Wie McAloon, der uns mit „Crimson / Red“ ein weiteres, zum Heulen schönes Album schenkt. Ein albernes Video zur großartigen Single gibt’s hier.

Außerdem:

Darkstar – A Day’s Pay for a Day’s Work

Grizzly Bear – Gun-Shy

These New Puritans – Organ Eternal

Trentemœller – Miss You

Underworld – Stagger (entspannte Radio-Live-Session hier)

Die Links führen zu sehenswerten Videos auf vimeo oder youtube und gehen in einem neuen Fenster auf.